Expertin für Kinder-, Jugend- und Familienpsychosomatik ist alarmiert

Bad Bodenteich, 4. Februar 2021.Spätestens seit dem erneuten Lockdown sind die Begriffe „Homeschooling“ und „Kindernotbetreuung“ wieder in aller Munde. Es wird viel über die Belastungen für die Eltern gesprochen, aber verhältnismäßig wenig über die Belastungen für die Kinder und Jugendlichen. Dr. Mira Narwark-Pietzsch ist Leitende Oberärztin der Rehabilitationsklinik für Kinder-, Jugend- und Familienpsychosomatik und Psychotherapie in der MEDICLIN Seepark Klinik in Bad Bodenteich. Sie beobachtet die Entwicklung der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie mit wachsender Sorge. Im Interview erzählt sie, wie sehr gerade Kinder und Jugendliche unter der Pandemie leiden und wo sie Hilfe erhalten.

Frau Dr. Narwark-Pietzsch, welche Spuren hinterlässt es bei den Kindern und Jugendlichen, dass Kitas und Schulen so lange geschlossen sind und eine erneute Öffnung immer wieder verschoben wird?
Narwark-Pietzsch: 
Eigentlich liegen die Probleme auf der Hand: Viele Sozialkontakte fehlen und dadurch auch der Austausch außerhalb der Familie. Aber auch die haltgebende Tagesstruktur fällt weitgehend weg. Das führt bei vielen Kindern zu Verunsicherung und Angstsituationen. Gerade junge Schülerinnen und Schüler in den unteren Klassen kämpfen zu Hause beim Homeschooling damit, überhaupt die Aufgaben ohne​​​ Präsenzunterricht erledigen zu können. Ältere Schüler haben oft  technische Probleme oder erfahren nicht genügend Unterstützung. Daraus resultieren Versagensängste, Druck und Stress bis hin zur Schulangst. Das ist sehr problematisch.

Bei manchen Schülern ist mittlerweile auch eine Antriebslosigkeit und Motivationslosigkeit extrem ausgeprägt.

Welche Auffälligkeiten beobachten Sie bei diesen Kindern?
Narwark-Pietzsch: 
Teilweise führt die soziale Isolation erst recht zur Vermeidung von sozialen Kontakten, gerade wenn sich Kinder in der Schule oder Kita nicht wohl fühlen und das Zuhause als deutlich angenehmeres Umfeld erlebt wird. Dann kann es vorkommen, dass der erneute Schulbesuch überhaupt nicht mehr gelingt.

Schon seit Juli letzten Jahres wissen wir außerdem, dass psychische und psychosomatische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen seit Beginn der Pandemie deutlich zunehmen. Das belegt eine Studie aus dem UKE (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf). Dazu gehören vor allem verschiedene Ängste, Depressionen, Stress, Leistungsdruck, Versagensgefühle und Zukunftsangst.

Kinder und Jugendliche versuchen häufig, diese Gefühle mit etwas zu kompensieren, das ihnen Kontrolle und Sicherheit suggeriert. Daraus können Zwänge und Essstörungen entstehen.

 

Manche Eltern geraten durch das gleichzeitige Bewältigen von Haushalt, Kinderbetreuung, Home-Office und Homeschooling an ihre Belastungsgrenzen. Gleichzeitig entstehen Ängste um den Arbeitsplatz oder um Angehörige. Welche Auswirkungen hat dieses Verhalten auf die Kinder?
Narwark-Pietzsch: Das ist tatsächlich sehr schwierig: Denn der Stress und die Sorgen der Eltern übertragen sich ganz leicht auf die Kinder. Das erhöht wiederum das Stresslevel bei den Kindern. Das Resultat ist, dass sich die Wahrscheinlichkeit für Familienkonflikte und Streitigkeiten erhöht – in extremen Fällen sogar für körperliche Übergriffe.Wir müssen uns verdeutlichen, dass nicht alle Kinder im Homeschooling adäquat betreut werden und dass teilweise auch die technischen Möglichkeiten fehlen oder unzureichend sind. Die fehlende Unterstützung führt bei den Kindern dazu, dass sie beim Schulstoff nicht mitkommen.

Nicht nur die Schulen und Kitas sind geschlossen, auch Vereinsaktivitäten, der Musikschulunterricht etc. ruhen. Wie problematisch ist das in Ihren Augen?
Narwark-Pietzsch: Sehr problematisch! Der Ausgleich zu Schule und Familie fällt für die Kinder komplett weg. Das zieht einen ganzen Rattenschwanz nach sich: Sportliche Betätigung kommt zu kurz – und damit der körperliche Stressabbau. Das führt in manchen Fällen zu Gewichtszunahme. Zudem essen die Kinder meist mehr, vor allem Chips, Süßigkeiten und ungesunde Lebensmittel – auch aus Langeweile.Auch andere Hobbies, die zur Entspannung beitragen, fallen weg: wie Musikunterricht oder Reitstunden, also der Umgang mit Tieren, der auch Stress reduzieren kann. Und nicht zuletzt fehlt auch im Freizeitbereich so die soziale Interaktion.

Außerdem nutzen die Kinder und Jugendlichen deutlich mehr Medien, was die gleichen Folgen nach sich zieht.

Gibt es Situationen im Zusammenhang mit der Pandemie, die speziell bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Schwierigkeiten führen?
Narwark-Pietzsch: Die Pubertät ist sowieso eine besonders vulnerable – also anfällige – Phase für psychische Erkrankungen wegen der stattfindenden Umstrukturierung des Gehirns. Die Pandemie verstärkt das Ganze und erhöht dieses Risiko, denn Abschlüsse sind gefährdet, Praktika und Auslandsaufenthalte sind eventuell nicht möglich. Das schürt Zukunftsangst und Unsicherheiten.Die Peergroup, also die Bezugsgruppe der Gleichaltrigen, fällt als wichtige Stütze weg. Dadurch gehen Orientierung und Halt verloren.

Können Sie für Kinder und Jugendliche, die besonders unter der momentanen Situation leiden, Hilfe anbieten?
Narwark-Pietzsch: Hier in der Rehabilitation können wir zum einen Kinder bis elf Jahre mit einer Begleitperson aufnehmen. Wir arbeiten zusammen an der Interaktion und daran, Konflikte zu vermindern. Gemeinsam versuchen wir, Stress abzubauen und soziale Kontakte sowie die soziale Kompetenz wieder zu fördern. Auch Sport wie z.B. Schwimmen ist hier im Rahmen einer Therapie möglich und hilft beim Ausgleich.

Auch Jugendliche ab zwölf Jahren nehmen wir auf, gegebenenfalls auch mit Begleitperson. In Gruppenangeboten werden vor allem die soziale Interaktion, das Miteinander und der Austausch gefördert. In Einzeltherapien arbeiten wir an den aktuellen Belastungen und an einer festen Tagesstruktur. So erlangen die Jugendlichen wieder Sicherheit. Auch in dieser Altersgruppe helfen Sportangebote. Ergänzend bieten wir eine Ernährungstherapie, um bei einer eventuellen Gewichtsabnahme oder -zunahme zu helfen. Entspannungstherapien unterstützen beim Stressabbau.

Wer akute Hilfe benötigt und sich in einer Notsituation befindet, sollte sich unbedingt an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder eine psychiatrische Praxis wenden. Es gibt auch die Option, eine ambulante Psychotherapie zu beginnen. Von diesen werden spezielle Sprechstunden angeboten. Hier in der Seepark Klinik bieten wir für Kinder und Jugendliche die Möglichkeit einer psychosomatischen stationären Behandlung sowie einer psychosomatischen Behandlung in unserer Tagesklinik.