Berührungen sind fester Bestandteil des Lebens

Warum Berührung für Menschen wichtig ist und wie Nähe in Zeiten der Kontaktbeschränkung erzeugt werden kann, erklärt Dr. med. Ekkehart D. Englert, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Helios Klinikum Erfurt

Erfurt. Ein fester Händedruck zur Begrüßung, eine tröstende Umarmung zwischen Freunden oder der innige Kuss zweier frisch Verliebter: Berührungen sind fester Bestandteil des Lebens. Dies hat sich in der aktuellen Pandemie-Situation jedoch an vielen Stellen geändert. Dabei ist Berührung für das Wohlbefinden entscheidend und für Menschen sogar überlebenswichtig. Ein schreiendes Baby beruhigt sich am besten, wenn seine Mutter es in den Arm nimmt. Unser Schmerzempfinden wird verringert, wenn uns ein nahestehender Mensch die Hand hält. „Im Normalfall führt Körperkontakt dazu, dass man sich insgesamt dem anderen Menschen näher fühlt. Nähe erzeugt eine positive Atmosphäre und das führt zur Ausschüttung von Botenstoffen wie Dopamin und Oxytocin, die das Wohlbefinden fördern“, erklärt Dr. Englert. Dopamin ist das so genannte Glückshormon, Oxytocin wird auch als Bindungshormon bezeichnet. Es bindet Mutter und Kind, aber auch Liebende aneinander.

Berührungen werden unterschiedlich empfunden

Dieser positive Effekt erfolgt meist bei Menschen, die sich nahestehen. Wie jemand eine Berührung empfindet, hängt von seinen individuellen Körperkontakt-Erfahrungen ab: „Wer von Geburt an viel Liebe und Zuneigung erhalten hat, wird in der Regel positiv auf Berührungen reagieren. Wem Körperkontakt verwehrt wurde oder Berührungen gar in negativer Form – etwa körperlicher Gewalt – erfahren hat, der reagiert unter Umständen sogar mit der Ausschüttung von Stresshormonen, wie Cortisol“, so Dr. Englert. Auch der Kontext, in dem der Körperkontakt entsteht, spielt eine wichtige Rolle für das Empfinden des Einzelnen. Erfolgt die Berührung zuhause oder in der Öffentlichkeit? Ist die Person mein Freund, Kollege oder Familienangehöriger? Wenn etwa zwei gute Freunde sich zum Abschied umarmen, ist das eine vertraute Situation und führt eher zur Ausschüttung von Glücks- und Bindungshormonen, als die Berührung eines Fremden. So sind die „free hugs“-Aktionen, bei denen Menschen Fremden auf der Straße kostenlose Umarmungen anbieten, nicht für jeden geeignet: Bei zurückhaltenden, introvertierten Menschen kann eine Umarmung von einem Fremden Stress auslösen. „Bei Körperkontakt ist immer entscheidend, wie die beiden sich Berührenden zueinander stehen“, sagt der Kinderpsychologe.

Berühren hilft Heilen

Körperkontakt unterstützt nicht nur die Entwicklung des Menschen, er hilft auch, gesund zu werden und gesund zu bleiben. „Wenn die Haut berührt wird, reagiert das Immunsystem sehr stark. So werden Botenstoffe, wie etwa Cortisol, die das Immunsystem dämpfen und die Immunreaktion abschwächen, durch Berührung der Haut gemildert. Die Ausschüttung von das Immunsystem stärkenden Botenstoffen wird sogar deutlich gefördert und darüber auch die Heilung von vielen Krankheiten und Beschwerden. Es gibt sehr wenig, was besser zu Entspannung führt, als eine wohltuende, warme Berührung eines vertrauten Menschen“, sagt Dr. Ekkehart D. Englert. Er warnt aber: Einseitige körperliche Zuneigung mit der starken Betonung des Konsumierens sollte eher kritisch gesehen werden. Denn Berührungen sind immer interaktiv, ein Wechselspiel zwischen zwei Menschen. Wenn zwischen Erwachsenen einer ausschließlich aktiv oder passiv ist, ist das ein Zeichen, dass in der Beziehung etwas sehr aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ein einseitiger Körperkontakt ähnelt dann einer Droge, sie wird genommen, um einen positiven Zustand herzustellen, hat aber langfristig negative Auswirkungen.

Wie kann in Zeiten der Kontaktbeschränkungen Nähe erzeugt bzw. kompensiert werden?

„Knuddeln ist innerhalb der zusammenlebenden Kernfamilie natürlich auch weiterhin möglich und vielleicht gerade jetzt besonders wichtig; auch ein getrenntlebendes Elternteil kann dazu kommen“, sagt Dr. Englert. „Mit Oma und Opa wird’s komplizierter, da ist es wichtig, dass Eltern den Kindern gut vermitteln, dass wir der älteren Generation am besten etwas Gutes tun können, indem wir sie vor der Pandemie schützen.“ Das bedeutet, dass die Großeltern beispielsweise nur einzeln besucht werden und dabei stets auf das Tragen von Masken geachtet wird.

Durch das Maskentragen bleibt jedoch ein großer Teil der Mimik verborgen. Deshalb wird viel mehr über die Augen kommuniziert: „Wir sehen, ob sich Lachfältchen bilden und wir tauschen viel häufiger tiefe Blicke mit Menschen aus, um Einverständnis und Nähe zu signalisieren. An Berührungs- oder Begrüßungsritualen bleibt uns mit Freunden und Bekannten das gegenseitige Berühren der Ellenbogen, also ein freundlicher Stups mit dem Ellenbogen“, so der Experte.

Menschliche Nähe und Gemeinschaftssinn kann derzeit am besten durch gegenseitiges Verständnis und Rücksichtnahme hergestellt werden. Das beinhaltet das Verständnis für Menschen, die mit den sich doch recht lange hinziehenden Kontaktbeschränkungen Schwierigkeiten haben und für Menschen, die Sinn und Zweck der Maßnahmen nicht verstanden haben. Auf Ängste und Sorgen Anderer einzugehen und sie ernst zu nehmen, bedeutet gleichzeitig, zwischenmenschliche Nähe herzustellen.

„Achtgeben sollten wir auf Menschen, die alleine leben und ganz besonders unter der sozialen Isolation leiden. Gemeinsame Ausflüge in die Natur bzw. Treffen im Rahmen dessen, was die Kontaktbeschränkungen gerade zulassen, sollten genutzt werden. Da ist nicht der unmittelbare Körperkontakt, sondern die menschliche Zuwendung und Nähe eine große Hilfe“, sagt Dr. Englert.

 

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