Ein Patient sitzt an der Bettkante und klagt über Luftnot. Wie kann man helfen? Wie sollte man reagieren? Für Jaqueline Wald ist eine Situation wie diese nicht neu. Die 23-Jährige erlernt im Klinikum Magdeburg den Beruf der Gesundheits- und Krankenpflegerin. Wenn sie ihre dreijährige Pflegeausbildung abgeschlossen hat, möchte sie in der Abteilung für Intensivmedizin des städtischen Krankenhauses arbeiten. Einen Schritt zum Abschluss ihrer Ausbildungszeit hat sie nun absolviert – die praktische Prüfung.

„Dass die praktischen Prüfungen unter Coronabedingungen stattfinden können, ist nicht selbstverständlich“, sagt Christina Heinze, Schulleiterin und pädagogische Geschäftsführerin des Bildungszentrums für Gesundheitsberufe in Magdeburg. „Fehlende Planungssicherheit und die Schwierigkeiten realistischer Prüfungsszenarien haben die Vorbereitung erschwert“, führt sie weiter aus.

Besondere Zeiten erfordern eben besondere Maßnahmen: Das Magdeburger Bildungszentrum für Gesundheitsberufe – in Trägerschaft des Klinikums Magdeburg und der Pfeifferschen Stiftungen – hat deshalb kreativ reagiert. Statt echter Patienten wurden dank der Vermittlung durch das Landeszentrum freies Theater Sachsen-Anhalt e.V. selbstständige Schauspieler/innen als Simulationspatienten (SimPats), die die Rolle einer Patientin oder eines Patienten annehmen, engagiert.

Entsprechende Krankheitsbilder der jeweiligen Fachrichtung, Charaktere, Szenenabläufe, Beratungsanlässe anhand vorgefertigter Rollenskripte wurden einstudiert, um diese in einer Pflege-Patienten-Situation darzustellen. Die pflegerische Versorgung erfolgt auf Basis des Improvisationstheaters, so dass die Schauspieler spontan auf die Handlungen und Worte des Prüflings reagieren können. Das schafft für alle Prüflinge die gleichen Prüfungsvoraussetzungen. Der Einsatz von SimPats in Prüfungen ermöglicht eine hohe Standardisierung der Prüfungssituation und Objektivität.

In akribischer Vorarbeit wurden Prüfungsszenarien erarbeitet, praxisnahe Fallbeispiele entwickelt und Rollenbeschreibungen angefertigt. „Das alles erfordert einen hohen organisatorischen Aufwand“, sagt Christina Heinze. Jedoch ist sie zufrieden: „Diese Abschlussprüfungen sind ein gutes Beispiel für die gute Zusammenarbeit der Pflegeschule und des Ausbildungshauses“. Aus ihrer Sicht ist es ein „großes Hand in Hand“-Arbeiten und dankt allen Beteiligten für die konstruktive hervorragende Zusammenarbeit.

Das zeigt sich im Klinikum Magdeburg so: Im Vorfeld wurden von den Fachprüfern realistische Situationen aus dem Pflegealltag erarbeitet und daraus eine Art Drehbuch für die Schauspieler geschrieben. In virtuellen Vorbereitungstreffen wurden diese Situationen besprochen, Fragen geklärt und Anpassungen vorgenommen. Alles sollte soweit es möglich war, einer echten Pflegesituation ähneln. Am Prüfungstag selbst wurde der Schauspieler so vorbereitet, dass ihm Verbände angelegt wurden und er einen genauen Plan hat, wann er sich wie zu verhalten hat. Typische Symptome des Krankheitsbildes wie Schmerzen oder Atemnot werden nun simuliert.

„Alles bis auf die invasiven Tätigkeiten ist möglich“, erklärt Manuela Schwirz, die als zentrale Praxisanleiterin im Klinikum Magdeburg an den praktischen Prüfungen beteiligt ist. Für sie sind die diesjährigen Prüfungen unter Coronabedingungen, denen sich übrigens acht Klinikum-Azubis stellen, sehr anspruchsvoll. „Normalerweise kennen die Auszubildenden ihre Patienten schon, dadurch dass sie bis zu den Prüfungen auf Station arbeiten“, erklärt sie. Die Schauspieler wiederum mit ihren individuellen Krankheitsbildern und Symptomen sind neu. „Wir können also sehen, wie die Auszubildenden auf diese völlig neue Situation reagieren“, nennt sie den Vorteil. So lassen sich ihrer Beobachtung nach die gesetzlich geforderten Kompetenzen noch besser einschätzen. Christina Heinze vom Bildungszentrum sieht in der praktischen Prüfung mit Schauspielern ein Zukunftsmodell. „So können wir noch mehr kompetenzorientiert prüfen und ähnliche Situationen für alle Auszubildenden schaffen“, sagt sie. Doch liegt die Entscheidung darüber nicht bei ihr. Denn gesetzlich vorgeschrieben ist, dass die praktischen Prüfungen in der Pflege am realen Patienten stattzufinden haben. Aufgrund der Coronapandemie ist im Juni 2020 vom Bundesgesetzgeber die Ausnahme ermöglicht worden. Und was sagt Jaqueline Wald? Sie ist froh, dass sie die Prüfung hinter sich hat. Die Aufregung ist vorüber. „Ich habe den Patienten beraten und angeleitet, beispielsweise die Inhalation erklärt, und Verbände gewechselt“, berichtet sie. Nun, nachdem die theoretischen und die praktischen Prüfungsteile überstanden sind, bereitet sie sich auf den letzten Baustein ihres Abschlusses vor – die mündliche Prüfung. Die wird im Übrigen auch unter Coronabedingungen wie immer ablaufen, nur mit ausgearbeitetem Hygienekonzept.

Jaqueline Wald versorgt ihren Patienten – in der
Prüfungssituation wird sie von Nico Wolf (links,
Pädagoge am Bildungszentrum) und Stefan Magnus Löser (zentraler Praxisanleiter im Klinikum
Magdeburg) beobachtet und muss ihnen gleichzeitig
ihre Arbeitsschritte erklären.