Kiel, 17. Februar 2021

Mit Ultraschall gegen das Zittern: Neues Verfahren für Tremor-Patienten am UKSH, Campus Kiel

Aus einem Glas trinken oder einen Schlüssel in einem Schloss platzieren – Alltagstätigkeiten werden für Patienten mit essentiellem Tremor (ET) aufgrund eines unwillkürlichen Zitterns von Körperteilen zur Herausforderung. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie leiden allein in Deutschland mehr als eine Million Menschen an dieser im Gehirn ausgelösten Bewegungsstörung. Bisher stehen verschiedene Medikamente und die Tiefe Hirnstimulation (THS) als Standardtherapien zur Verfügung. Am Standort Kiel des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) setzt man nun auf ein innovatives Verfahren mit hochfokussiertem Ultraschall (MRgFUS), mit dem sich der ET effektiv und schonend behandeln lässt. Denn bei diesem muss der Schädelknochen nicht geöffnet werden.

Unter Tremor wird das unwillkürliche Zittern eines oder mehrerer Körperteile verstanden. Es gibt verschiedene Erkrankungen, wie beispielsweise Parkinson, die Tremor verursachen. Der ET ist eine meist langsam, manchmal aber auch schnell fortschreitende, neurologische Erkrankung, die im Gehirn durch die Fehlfunktion bestimmter Nervenzellen ausgelöst wird. Betroffen sind oft die Arme, seltener Beine, Kopf oder auch die Stimme.

Essentieller Tremor – eine häufige Erkrankung
Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zufolge ist jeder hundertste Deutsche von dieser Erkrankung betroffen.1 Laut Studien berichten rund 85 Prozent der ET-Patienten von einer deutlichen Verschlechterung ihrer Lebensqualität.2 Viele der Betroffenen geben an, sozial eingeschränkt zu sein. Bei rund 25 Prozent führt der Tremor zu Berufswechsel oder Frühberentung. „Patienten mit essentiellem Tremor stehen oft unter einem großen Leidensdruck“, sagt Prof. Dr. Ann-Kristin Helmers von der Klinik für Neurochirurgie am UKSH. „Bei den ausgeprägten Formen der Erkrankung sind häufig einfachste Alltagsverrichtungen nicht mehr möglich. Dann bedeutet der essentielle Tremor eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität.“

Medikamente und Hirnstimulation (THS) als Standardtherapien
Zur Entstehung des ET sagt Dr. Steffen Paschen, Klinik für Neurologie am UKSH: „Zwar sind die genauen Ursachen dieser Erkrankung bis heute ungeklärt, Studien legen jedoch nahe, dass Fehlfunktionen bestimmter Nervenzellen in Hirnregionen wie dem Thalamus als Auslöser in Frage kommen. Auch gibt es Hinweise auf genetische Ursachen.“ Therapiert wird der ET heute vor allem mit Medikamenten oder der Tiefen Hirnstimulation (THS), an deren Entwicklung das UKSH, Campus Kiel, maßgeblich beteiligt war. Allerdings lässt sich das Zittern mit Medikamenten häufig nicht ausreichend kontrollieren. Zudem ist die medikamentöse Therapie häufig mit Nebenwirkungen wie zum Beispiel Schwindel verbunden. Bei der THS handelt es sich um ein neurochirurgisches Verfahren, bei dem Elektroden in ein bestimmtes Kerngebiet des Hirnes implantiert und mittels hochfrequenten Stroms stimuliert werden. Hierdurch lässt sich eine deutliche Verminderung des Zitterns erzielen. Dieser Eingriff ist allerdings – wie jede invasive Operation – mit Risiken wie Infektionen oder Hirnblutungen verknüpft. Die THS ist zudem nicht für alle Patienten geeignet. Die Entwicklung zusätzlicher Therapiemethoden hatte daher schon seit geraumer Zeit hohen Stellenwert.

Fokussierter Ultraschall als vielversprechende Therapieoption
Die von Insightec zur Behandlung von essentiellem Tremor und tremor-dominantem Parkinson-Syndrom entwickelte neue Methode ist in Europa CE-zertifiziert. Weltweit wurden bislang etwa 3000 Patienten erfolgreich damit behandelt. Nach dem Universitätsklinikum Bonn setzt man jetzt auch am Kieler Standort des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein auf das Verfahren. „Wir sehen dies als weiteren Meilenstein in unserem Bestreben, möglichst vielen Patienten in Deutschland diese innovative Behandlung zugänglich zu machen“, sagt Peter Medina, Regional Diector für Zentraleuropa bei Insightec.
Die Methode „MRgFUS“ basiert auf hochenergetischen Ultraschallwellen, die unter Sicht- und Temperaturkontrolle im Magnetresonanztomographen (MRT) präzise – mit Submillimeter-Genauigkeit – auf das Zielgebiet im Gehirn ausgerichtet werden. Dafür wird dem Patienten im MRT ein helmförmiger Ultraschallwandler mit über 1.000 einzelnen, kleinen Ultraschallquellen auf dem Kopf platziert (siehe: https://essential-tremor.com/de). Diese Ultraschallquellen können einzeln angesteuert und die Schallwellen – ähnlich wie bei einem optischen Brennglas – auf einen nur wenige Millimeter großen Hirnbereich fokussiert werden. Am Zielpunkt erhitzt die Schallenergie das Gewebe. Dadurch kommt es zur Verödung der für das Zittern verantwortlichen Nervenzellen, wodurch das Tremornetzwerk unterbrochen wird. Der Patient ist während der Behandlung wach, um direkt Feedback zu geben. In den meisten Fällen verbessert sich das Zittern unmittelbar nach der Behandlung auf einer Seite. Der MRgFUS stellt daher eine effektive Therapieoption für Patienten dar, die nicht ausreichend auf Medikamente ansprechen, und kann entscheidend zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen.

Universitätsklinikum Schleswig-Holstein investiert in innovative Technologien
„Nachdem bereits die THS wesentlich durch das UKSH, Campus Kiel, vorangebracht wurde, ist unser Ziel, möglichst vielen Patienten an unserem Klinikum dieses neue Verfahren zugänglich zu machen. Wir danken der DAMP-Stiftung, durch deren großzügige Unterstützung die Anschaffung der Technologie möglich gemacht wurde“, sagt Prof. Dr. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. „Wir machen damit einmal mehr deutlich, dass das UKSH in der ersten Reihe steht, wenn es um neueste Entwicklungen bei der Behandlung von Bewegungsstörungen geht.“

Über das UKSH
Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) ist mit den Standorten Kiel und Lübeck eines der größten medizinischen Zentren in Europa. Alleinstellungsmerkmal der Universitätsmedizin ist das Zusammenspiel von Krankenversorgung, Forschung und Lehre mit dem Effekt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in die Krankenversorgung einfließen (Translation). Gemeinsam mit der medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und dem Senatssauschuss Medizin der Universität zu Lübeck stellt sich das UKSH den Herausforderungen der Medizin des 21. Jahrhunderts.

Das UKSH als einziger Maximalversorger des nördlichsten Bundeslandes gewährleistet jährlich die individualisierte Diagnostik und Therapie für 500.000 Menschen – jedes 6. Einwohners – und erbringt ein Viertel aller Krankenhausleistungen. Die 85 Kliniken und Institute verfügen über das gesamte Spektrum der modernen Medizin – insbesondere für Patienten, die einer hochdifferenzierten Diagnostik und Therapie sowie einer Notfallversorgung rund um die Uhr bedürfen.
www.uksh.de 

Über INSIGHTEC
INSIGHTEC ist ein schnell wachsendes und innovationsgetriebenes Medizintechnikunternehmen, welches das Leben von Patienten durch Chirurgie ohne Schnitt verändert. Mithilfe von INSIGHTECs Technologie des fokussierten Ultraschalls, die von der MR-Bildgebung gesteuert wird, lässt sich Gewebe im Gehirn und im Körper ohne Einschnitte allein durch Schallwellen präzise behandeln. Diese Technologie kommt zum Beispiel bei der Behandlung des Essentiellen Tremors zum Einsatz. INSIGHTEC hat seinen Hauptsitz in Haifa, Israel, und Miami, Florida, mit Niederlassungen in Dallas, Tokio und Shanghai. Mehr unter: www.insightec.com

Sicherheitshinweise und Kontraindikationen
Der behandelnde Arzt sollte ET-Patienten über die Behandlungsmöglichkeiten informieren und auf eine Überweisung an des Neurozentrum des UKSH hinweisen. Hier erfolgt eine ausführliche Abklärung, ob eine fokussierte Ultraschallbehandlung angebracht ist oder ob es Kontraindikationen gibt. Bei jeder medizinischen Behandlung sollten die Patienten über mögliche Risiken aufgeklärt werden. Zunächst besteht die Möglichkeit, dass der Tremor Monate oder sogar Jahre nach der Behandlung wieder auftritt oder dass er sich überhaupt nicht verbessert. Es besteht ein geringes Risiko einer vorübergehenden oder dauerhaften Muskelschwäche, Unbeständigkeit, Gefühlsverlust sowie Taubheit oder ein Kribbeln in den Fingern oder an anderen Stellen des Körpers. Auch wenn die Behandlung den Tremor verbessern kann, ist es wichtig zu verstehen, dass diese Prozedur weder die zu Grunde liegende Krankheit behandelt, noch präventiv hinsichtlich der Verschlimmerung oder des Foranschreitens der Erkrankung wirkt. Für kurze Zeiträume während der Behandlung können die Patienten Übelkeit, Schmerzen oder andere Sinneseindrücke empfinden. Nach der Behandlung können sie ein Kribbeln in den Fingern oder an anderen Stellen und eine gewisse Unsicherheit verspüren. Patientinnen und Patienten beraten sich mit ihrem eigenen Arzt über die Behandlungsmöglichkeiten.

Compliance-Hinweis
Die Kooperationspartner bestätigen, dass mit dem vorliegenden Vorhaben kein Einfluss auf weitere Umsatzgeschäfte des UKSH genommen wird (insbesondere Beschaffungsvorgänge und Preisgestaltungen) und diesbezüglich auch keinerlei Erwartungen bestehen.

1 Diener H-J, Weimar C. Extrapyramidalmotorische Störungen – Tremor. In: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Stuttgart: Thieme Verlag. 2012: 4.
2 Kersting, T. MRgFUS-Behandlung des Tremors im deutschen Versorgungskontext. Berlin: IMC clinicon GmbH. 2019: 7.

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Zu den Pressebildern

Für Rückfragen von Journalisten steht zur Verfügung:
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Klinik für Neurochirurgie, Prof. Dr. Ann-Kristin Helmers,
Klinik für Neurologie, Dr. Steffen Paschen


Pressetext: Luisa Gehle, Klenk & Hoursch AG

Verantwortlich für die Presseinformation:

Oliver Grieve, Pressesprecher
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Vorstandsmitglieder: Prof. Dr. Jens Scholz (Vorsitzender), Peter Pansegrau, Michael Kiens, Prof. Dr. Thomas Münte, Prof. Dr. Joachim Thiery
Vorsitzender des Aufsichtsrates: Dr. Oliver Grundei
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