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Fünf Fragen und fünf Experten-Antworten rings um Krach, Musik und Kindergeschrei

Am 28. April ist „Tag gegen Lärm“ / Prof. Fuchs erläutert Hintergründe und Wirkungsweisen

Leipzig. Am „Tag gegen Lärm“ wird seit über 20 Jahren jeweils im April auf Ursachen und Auswirkungen von schädigender Schallintensität aufmerksam gemacht. Denn Lärm kann das körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden von Menschen nachhaltig beeinträchtigen, betont Prof. Dr. Michael Fuchs, Leiter der Sektion Phoniatrie und Audiologie an der HNO-Klinik des Universitätsklinikums Leipzig.

 

„Stille in unserer Industriegesellschaft selten geworden“: Prof. Michael Fuchs leitet die Sektion Phoniatrie und Audiologie am UKL.
Foto: Stefan Straube / UKL

Hier einige Fragen an den Experten für Stimme, Sprechen und Hören und seine Antworten:

Frage: Ab wieviel Dezibel schädigen Geräusche das Gehör? 
Ab 80 bis 85 Dezibel ist eine hörschädigende Wirkung von Geräuschen bekannt. Das heißt: Ab dieser Schallintensität besteht die Gefahr, dass die Haarzellen im Innenohr – also die Sinneszellen, die die Schallwellen in Nervenimpulse umwandeln – geschädigt werden. Auch Lärm geringerer Intensität kann krankmachen. Allerdings nicht durch Schädigungen im Ohr, sondern durch Auswirkungen auf die Psyche oder auf Herz und Kreislauf. Neben der Schallintensität spielt aber auch die Einwirkungszeit eine Rolle.
So ist erwiesen, dass bei einer Lärmbelastung am Arbeitsplatz ab 85 Dezibel bei acht Stunden am Tag die Gefahr besteht, dass sich mit den Jahren eine Lärmschwerhörigkeit entwickelt. Deshalb müssen den Arbeitnehmern ein kostenloser Gehörschutz zur Verfügung gestellt und Vorsorgeuntersuchungen angeboten werden. Zudem gilt: Je lauter es am Arbeitsplatz ist, desto kürzer ist die zulässige Einwirkzeit.

Eine Übersicht:

Lautstärke            zulässige Einwirkzeit
85dB                      8 Stunden
88 dB                     4 Stunden
91 dB                     2 Stunden
95 dB                     48 Minuten
100 dB                   15 Minuten
105 dB                   4,8 Minuten

Müssen Kinderohren besonders geschützt werden?
Die Ohren von Kindern sind nicht empfindlicher als die Ohren von Erwachsenen. Aber: Je früher durch Lärm ein Schaden am Ohr entsteht, desto schlechter für den Betreffenden. Denn Hörminderung, Ohrgeräusche, körperliche Stressreaktionen, Schlafstörungen – das alles wirkt sich ungünstig auf das Lernen und Großwerden der Kinder aus. Wir sollten also als Erwachsene den Kindern einen achtsamen Umgang mit Lärm vorleben und ihnen zeigen, wie sie sich schützen können.

Anhaltender Lärm kann nicht nur das Gehör schädigen, sondern auch Hirn, Herz und Kreislauf stressen. Was passiert da im Körper?
Laute Geräusche signalisierten unseren Vorfahren Gefahr. Deshalb reagiert unser Körper heute immer noch mit einer Stressreaktion: Das Herz rast, der Blutdruck steigt, Blut wird in Muskeln und Hirn gepumpt, um eine Kampf- oder Fluchtreaktion vorzubereiten. Wenn das hin und wieder passiert, ist das kein Problem. Aber wenn der Körper ständig diesen Alarmmechanismus aktiviert, wirkt sich das auf Herz und Kreislauf aus, auf die Konzentrationsfähigkeit oder auf die Entspannungsbereitschaft, führt zu Bluthochdruck, Schlafstörungen und kann sogar eine Diabeteserkrankung verschlechtern.

Kann Stille genauso gefährlich sein wie Lärm?
Organisch nicht. Denn Stille kann das Ohr nicht schädigen. Allerdings ist Stille in unserer Industriegesellschaft selten geworden. Mancher verbindet Stille mit Einsamkeit und schaltet deshalb Radio oder Fernseher ein, nur um sich nicht allein zu fühlen. Stille kann also negativ auf unsere Psyche wirken, weil fortwährend Geräusche zu unserem Leben gehören. Irgendwo piept, quietscht oder rattert immer etwas. Das würde ich schon als Lärmverschmutzung bezeichnen. Und wir machen uns leider viel zu selten bewusst, dass wir dieser Verschmutzung fast ständig ausgesetzt sind – und uns an sie gewöhnt haben.

Wenn ständig nebenher das Radio läuft oder der Fernseher – schadet das dem Gehör und dem Nervenkostüm?
Bei angemessener Lautstärke schadet eine solche Dauerberieselung dem Gehör nicht. Aber: Sinneszellen und Gehirn arbeiten, auch ohne, dass wir das bewusst merken, fortwährend, wenn Radio oder Fernseher laufen. Das kostet dem Körper Kraft und erschöpft uns vielleicht mehr, als uns die Musik entspannt. Aber das mag bei jedem anders sein. Denn auch das Empfinden, was Lärm überhaupt ist, unterscheidet sich: Laute Musik und dröhnende Motoren können Spaß machen. Andererseits können das Summen einer Fliege oder der brummende Kühlschrank stören.
Dahinter steckt die subjektive emotionale Bewertung von Geräuschen, der wir uns nicht entziehen können. Bei manchen rufen wummernden Bässe Glücksgefühle hervor, während andere das als Zumutung sehen. Oder: Wenn ich den Nachbarn nicht leiden kann, stört selbst das kleinste Geräusch. Wenn ich mich mit dem Nachbarn aber gut verstehe, stört auch das Geschrei eines Kindergeburtstages nicht. Also: Nicht immer ist es die Lautstärke, sondern oft das subjektive Lautheitsempfinden, das Geräusche zu Lärm macht.

Foto Download:

„Stille in unserer Industriegesellschaft selten geworden“: Prof. Michael Fuchs leitet die Sektion Phoniatrie und Audiologie am UKL., Foto: Stefan Straube / UKL
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Das Universitätsklinikum Leipzig (UKL) blickt gemeinsam mit der Medizinischen Fakultät als zweitälteste deutsche Universitätsmedizin auf eine reiche Tradition zurück. Heute verfügt das Klinikum mit 1450 Betten über eine der modernsten baulichen und technischen Infrastrukturen in Europa. Zusammen mit der Medizinischen Fakultät ist es mit über 6000 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber der Stadt Leipzig und der Region. Jährlich werden hier über 400.000 stationäre und ambulante Patienten auf höchstem medizinischen Niveau behandelt. Diese profitieren von der innovativen Forschungskraft der Wissenschaftler, indem hier neueste Erkenntnisse aus der Medizinforschung schnell und gesichert in die medizinische Praxis überführt werden.