Dr. Claudia Wilhelm-Gößling gibt Lehrbuch mit heraus

Hypnose kann in den Ohren eines Laien nach Bühnenzauber und Show klingen. Dabei hat diese Therapieform schon lange den Einzug in den Kanon der anerkannten Behandlungsmethoden gefunden. Bei der Raucherentwöhnung, bei der Behandlung von Essstörungen, bei Adipositas oder auch bei bestimmten körperbezogenen Ängsten ist sie ein etabliertes Verfahren. Der in dem Manual „Hypnotherapie bei Depressionen“ beschriebene Behandlungsprozess wurde jüngst im Rahmen einer randomisierten und kontrollierten Studie der Universität Tübingen untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass die Wirksamkeit der Hypnotherapie bei Depressionen vergleichbar ist mit der als gut belegten Wirksamkeit kognitiver verhaltenstherapeutischer Verfahren. Entwickelt wurde das Manual von vier Psychologen und einer Medizinerin: Dr. Claudia Wilhelm-Gößling, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefärztin der der Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie in der KRH Psychiatrie Wunstorf.

Warum beschäftigen Sie sich mit Hypnotherapie?

Meine ersten Berührungspunkte hatte ich während meiner Weiterbildung zur Fachärztin. In zwei Seminaren durfte ich die Möglichkeiten und Effekte kennenlernen. Ein Beispiel, das mir in Erinnerung geblieben ist, war der Einsatz in der Handschuhanästhesie. Normalerweise wird ein Medikament gespritzt und die Hand wird dadurch gefühlstaub. Beim hypnotherapeutischen Ansatz suggeriert man dem Probanden, dass die Hand blutleer ist und taub. Das habe ich damals zusammen mit einer Kollegin in der Ausbildung gemacht. Und dann haben wir eine Hautfalte der Hand genommen und mit einer relativ dicken Kanüle, mit der man sonst Blut abnimmt, durch diese Hautfalte gestochen. Die Person hat damals lediglich einen dumpfen Druck gespürt. Dann haben wir die Suggestion der Blutleere noch einmal verstärkt, die Nadel herausgezogen und es hat nicht geblutet. Ein beeindruckendes Erlebnis, und ich war gepackt von den Möglichkeiten der Hypnotherapie.

Klingt ein bisschen wie Voodoo.

Hypnotherapie ist Autosuggestion. Ich bin keine Expertin für Voodoo, aber nach meinem Kenntnisstand spielen dabei auch autosuggestive Elemente eine Rolle. Hypnotherapie erfordert eine eigene Aktivität. Das sieht man beispielsweise auch, wenn man EEG-Untersuchungen macht, das ist ein qualitativ anderer Zustand als eine Tiefenentspannung oder im Schlaf. Das EEG zeigt eine Fokussierung und eine höhere Aufmerksamkeit in so einem Zustand der Trance, die man hypnotherapeutisch nutzt. Man sieht an dem Blutleerebeispiel, was die menschliche Vorstellungskraft bewirken kann. Diesen Effekt, die Energie der eigenen Vorstellungskraft für die Behandlung von Depressionen zu nutzen und noch zu verstärken, das ist unser Ansatz in der Hypnotherapie. Wir haben es bei Depressionen mit einer eingeschlichenen negativen Gedanken- und Gefühlsstruktur, quasi einer Negativ-Trance zu tun. Die gedankliche Abwärtsspirale wollen wir ins Positive drehen. In der Hypnotherapie macht man das nicht so, dass man die negativen Gedanken stoppt, sondern indem wir die Fähigkeit, sich in etwas hineinzubegeben, nutzen, um sich aus der Negativität heraus parallel in einen angenehmeren Zustand zu versetzen. Wir nennen das Utilisation – das Symptom wird genutzt, anstatt dagegen anzukämpfen. Also diese menschliche Fähigkeit der Autosuggestion wird hypnotherapeutisch gestärkt und therapeutisch gelenkt.

Können Sie das anhand Ihres Blutleerebeispiels verdeutlichen, wie der Therapeut oder die Therapeutin vorgeht?

Man braucht ein bisschen Zeit und der Mensch muss sich einlassen auf bestimmte Bilder. Der Therapeut fragt zunächst, welche Assoziationen der Mensch mit einem Taubheitsgefühl hat: zum Beispiel Kälte, Schnee oder Winter. Dann greift man diese Bilder auf und leitet dahin, dass man vielleicht die Handschuhe vergessen hat und die Hand ganz kalt wird, sich ein bisschen taub und pelzig anfühlt. In der Kälte verengen sich auch die Blutgefäße und so weiter. Also man nimmt solche Bilder, mit denen man eine Vorstellung unterstützt, und insgesamt arbeitet die Hypnotherapie mit dem VAKOG-System: Visuell, akustisch, kognitiv, olfaktorisch und kinästhetisch. Da werden lebendige Erfahrungen in einem Trancezustand hervorgerufen. Stellen Sie sich vor, Sie wissen, dass Sie eine bestimmte Verhaltensweise ändern wollen. Sie bekommen das aber nicht hin, weil Ihnen der innere Schweinehund immer dazwischenkommt. Wenn ich jetzt diese eigentlich gewollte Verhaltensänderung mental in einem Trancezustand kreiere, dann gelingt der Wechsel leichter als bei bloßer kognitiver Auseinandersetzung mit dem Thema. Dieser Effekt ist wissenschaftlich untersucht und nachgewiesen.

Und diesen Effekt machen Sie sich für die psychiatrische Behandlung zunutze?

Genau, und ich habe einen strukturbezogenen Ansatz entwickelt, den wir in dem Manual zusammengefasst und jetzt in diesem Buch auch erstmals veröffentlicht haben. Mit diesem Manual ermöglichen wir, dass auch schwerer erkrankte Menschen von Hypnotherapie profitieren können. Das war so bisher nicht möglich, da das, wovon wir jetzt reden – wir nennen es das weise Unbewusste –, was dann auch Selbstheilungskräfte und einen kreativen Heilungsprozess kreiert, das können wir bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen nicht unbedingt voraussetzen. Das heißt, da müssen wir strukturbezogener vorgehen. Bestimmte hypnotherapeutische Techniken, die für 80 Prozent der Menschen wunderbar sind, überfordern schwer erkrankte Menschen und bringen sie eher mit ihren negativen auch vielleicht sogar destruktiven Fantasien in Kontakt. Diese Menschen brauchen etwas Anderes und das liefern wir. Konkret bedeutet das, dass wir stärker strukturieren und auch transparenter sein müssen. Der Therapeut muss aktiver helfend sein und die positivierenden Aspekte müssen vorher in einem wachen Gespräch entwickelt und vorbereitend verstärkt werden. Auf diese Weise können wirklich sehr kranke Menschen – beispielsweise als Folge von vielen Belastungen oder Traumata in der Biografie – von dieser Art der Psychotherapie profitieren.

Was leistet Ihr Manual?

Hypnotherapie ist eine sehr individuelle, psychotherapeutische Form, die sehr auf die einzelne Patientin oder den einzelnen Patienten angepasst sein muss. Dieses Manual ist eine wunderbare Anleitung für das hypnotherapeutische Vorgehen bei Depressionen und enthält neben diesem Buch noch ganz viele Onlinematerialien. Für jedes Modul, jede einzelne Therapiesitzung gibt es beispielsweise eine Karteikarte, die können sich die Interessierten herunterladen und dann haben sie eine Gedankenstütze, wie man die einzelnen Sitzungen aufbauen kann, und welche Formulierungen dabei hilfreich sein können.

 

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Dr. Claudia Wilhelm-Gößling ist Chefärztin der Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie in der KRH Psychiatrie Wunstorf und beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Hypnotherapie. Jetzt hat sie gemeinsam mit drei Kolleginnen und einem Kollegen eine Handreichung herausgegeben, wie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten die Hypnotherapie bei der Behandlung von an Depressionen Erkrankten einsetzen können.