uni | mediendienst | forschung Nr. 93/2020 vom 21. Dezember 2020

Dem Alter entsprechend

Neue Referenzwerte für modernes Messverfahren zur Ermittlung der Körperzusammensetzung bei älteren Menschen

Die Körperzusammensetzung des Menschen unterliegt im Laufe seines Lebens unterschiedlichen Veränderungen. Muskelmasse und Körperwasseranteil nehmen mit der Zeit ab, während das Körperfettgewebe üblicherweise zunimmt. Neben diesen altersbedingten Prozessen lassen sich auch bei bestimmten Erkrankungen gravierende Veränderungen der Körperzusammensetzung beobachten. Dies gilt zum Beispiel für Krebs und Adipositas. „Bei uns im Hector-Center für Ernährung, Bewegung und Sport erhalten Patienten eine individuell auf sie angepasste Ernährungs- und Sporttherapie“, erläutert Prof. Dr. Yurdagül Zopf, Leiterin des Hector-Centers in der Medizinischen Klinik 1 – Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie (Direktor: Prof. Dr. Markus F. Neurath) des Universitätsklinikums Erlangen. Um den Behandlungsverlauf beurteilen und die Maßnahmen gegebenenfalls anpassen zu können, muss die Körperzusammensetzung der Patienten regelmäßig neu bestimmt werden. Die Erlanger Expertinnen und Experten verwenden dafür die segmentale multifrequente Bioelektrische Impedanzanalyse (SMF-BIA).

„Allerdings haben wir festgestellt, dass es bisher nur Referenzwerte für die Altersgruppe 18 bis 65 Jahre gibt. Dadurch hatte die Bioelektrische Impedanzanalyse für einen Teil unserer Patienten nur wenig Aussagekraft“, bedauert Dr. Dejan Reljic, der den Bereich Sportwissenschaft des Hector-Centers leitet. „Das hat uns motiviert, eine Studie durchzuführen, mit deren Hilfe wir nun Referenzwerte für die Altersgruppe ab 65 Jahren festlegen konnten.“ Dank dieses neuen Maßstabs ist es Fachkollegen weltweit nun möglich, Therapien individuell für ihre älteren Patienten zu planen beziehungsweise auf sie anzupassen.

Gerade Krebserkrankungen sind aufgrund unterschiedlicher Faktoren häufig mit einem beschleunigten Muskelabbau verbunden, während Adipositas durch eine übermäßige Ansammlung von Fettgewebe charakterisiert ist. „Ein wichtiges Ziel unserer Ernährungs- und Sporttherapie ist es daher, die Muskelmasse unserer Patienten zu erhalten beziehungsweise aufzubauen und insbesondere bei stark Übergewichtigen auch die Körperfettmasse zu reduzieren“, erläutert Dr. Reljic. „Wir kontrollieren den Therapieverlauf kontinuierlich und passen die Maßnahmen entsprechend an. Dafür ist eine regelmäßige Bestimmung der Körperzusammensetzung von zentraler Bedeutung.“ Solche Messungen lassen sich mithilfe der BIA schnell und unkompliziert durchführen. Im Hector-Center wird sogar die SMF-BIA eingesetzt: „Dabei handelt es sich um die fortschrittlichste und präziseste unter den vorhandenen BIA-Methoden“, erklärt Dr. Hans Joachim Herrmann, Leiter des Bereichs Ernährungswissenschaft des Hector-Centers, der die Bioelektrische Impedanzanalyse bereits seit vielen Jahren in der ernährungstherapeutischen Betreuung von Patienten einsetzt.

Vermessung von über 500 Freiwilligen

Wer etwas misst, der beurteilt seine Zahlen mithilfe eines Maßstabs. Mediziner sprechen vom Referenzbereich: Werten, die an einer gesunden Referenzgruppe ermittelt wurden und deren Über- oder Unterschreiten auf eine Erkrankung hinweisen kann. „Als wir die Körperzusammensetzung unserer älteren Patienten erstmals mithilfe der SMF-BIA bestimmten, mussten wir leider feststellen, dass wir auf keine passenden Referenzwerte zugreifen konnten“, berichtet Dr. Reljic. „Referenzwerte waren bisher nur für 18- bis 65-Jährige definiert worden – nicht aber für Ältere.“ Das Team des Hector-Centers entschied kurzerhand, diese Lücke selbst zu schließen. Im Rahmen einer Studie vermaßen die Wissenschaftler insgesamt 567 Frauen und Männer im Alter von 65 bis 97 Jahren aus Erlangen und Umgebung und generierten so entsprechende Referenzwerte. „Im Vergleich mit den Referenzwerten für die Altersgruppe 18 bis 65 Jahre zeigte sich in der Gruppe der über 65-Jährigen eine deutliche altersbedingte Abnahme unterschiedlicher Parameter der Körperzusammensetzung, was die Wichtigkeit einer Etablierung von neuen, altersspezifischeren Referenzwerten verdeutlicht“, so Prof. Zopf im Namen der drei Studienleiter. „Es ist fachlich nicht vertretbar, einen 70-Jährigen nach dem gleichen Maßstab ernährungs- und sporttherapeutisch zu behandeln wie einen 30-Jährigen.“ Laut den Wissenschaftlern des Erlanger Hector-Centers werden sich dank der neuen Referenzwerte SMF-BIA-Messungen bei älteren Menschen nun besser interpretieren und krankhafte Veränderungen der Körperzusammensetzung präziser feststellen lassen können.

Link zur Studie: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33214337/

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